15.03.2019

Wer hat das Nachfragen verboten?

Romeo und Julia liegen in einer Wasserpfütze tot auf dem Boden. Überall sind Scherben verstreut. Was ist passiert? Dieses Rätsel stelle ich gerne in meinen Seminaren zum Mitarbeiter-Coaching und die Teilnehmer sollen die Lösung durch offene Fragen herausfinden. Dabei entstehen die wildesten Theorien, doch die entscheidende Frage wird so gut wie nie gestellt: Wer sind Romeo und Julia überhaupt?

Lieber nicht nachfragen

Im Rätsel sind Romeo und Juli nämlich zwei Goldfische, deren Glas am Boden zerschellt ist. Doch die Namen sind so selbstverständlich mit Shakespeares Protagonisten verknüpft, dass keiner auf diese Idee kommt. Wären Sie darauf gekommen? Aber selbst wenn jemand diesen Gedanken hätte, würde dieser Jemand die Frage wahrscheinlich trotzdem nicht stellen: Er / Sie würde befürchten, dass die anderen glauben, er / sie kenne Shakespeare nicht. Also, heißt die Devise, lieber nicht nachfragen und die Zusammenhänge selbst fantasieren. Doch unter solchen Umständen funktioniert Coaching nicht …

Ganz einfach

Nachfragen – und das vielleicht sogar mehrfach – ist häufig ein No-Go in unserer Gesellschaft. Nachfragen gilt entweder als aufdringlich oder als bloßstellend – bzw. kann so empfunden werden. Beides ist uns peinlich, also lassen wir es lieber. Stattdessen überlegt jeder diskret für sich alleine und handelt dann stillschweigend nach seinen eigenen Glaubensüberzeugungen. Doch das kann unangenehme Konsequenzen haben – so wie bei mir auf dem Schweizer Flughafen. Ich musste mein Mietauto vor Jahren am Zürcher Flughafen zurückgeben, aber wusste nicht wohin. Navis waren zu dieser Zeit noch nicht vertrauenswürdig, also fragte ich einen Einheimischen nach dem kürzesten Weg. Der sagte: „Ganz einfach: Fahren Sie den Schildern zur Autobahn nach.“ Also folgte ich den blauen Schildern. Statt der angekündigten zehn Minuten brauchte ich eine geschlagene Stunde. Ich fuhr nämlich im Kreis. Ursächlich dafür war nicht der gute Mann, sondern ich selbst: Mir war nicht klar, dass die Hinweisschilder zur Autobahn in der Schweiz grün sind und nicht blau wie in Österreich und Deutschland. Ich hatte meine Erfahrung für selbstverständlich gehalten und auf das Nachfragen verzichtet. Das hat mich fast meinen Flug gekostet. Das Beispiel können Sie auf viele Bereiche des Lebens übertragen – und auf das Coaching: Wenn Sie dort nicht angemessen und respektvoll nachfragen, kostet Sie der Verzicht womöglich die Wirkung …

Nachfragen statt fantasieren

Wenn Sie in eine Haltung gehen wollen, in der Coaching möglich wird, ist neben Vertrauen und Resonanz Klarheit die wichtigste Voraussetzung. Diese erlangen Sie aber nicht durch Denken oder Fantasieren, sondern nur durch wertschätzendes Nachfragen und emphatisches Zuhören. Sie können im Coaching fast nicht zu viele Fragen stellen. Lernen Sie, nichts für selbstverständlich zu halten. So kommen Sie Ihren eigenen unbewussten Unterstellungen und Projektionen auf die Schliche und sehen, was wirklich ist. Denken Sie dabei ruhig ab und zu an Romeo und Julia!

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